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...Fortsetzung:   Ramona Faltin   FELDER BLÖCKE STREIFEN

Immer wieder zieht es sie in das Görlitzer Land zwischen Neiße, Schöps und Spree – in Besuchen, Ausstellungen, Arbeitsaufenthalten „artist in residence“ im Schloss Königshain im Jahr 2007, in Kunstprojekten, wie das internationale Kunstprojekt STADTRAUMKUNST 2012 bis 2015

Und so auch heute. In Vorbereitung dieser Ausstellung hier in Görlitz, wird das Landkreisbuch zu ihrer Lektüre. In einem Text der Autorin Uta Marquard, der die mittelalterliche Besiedlung der Oberlausitz beschreibt, findet Christa-Louise Riedel drei Begriffe, die sie mit Ihrer Kunst und mit Ihrer Arbeitsweise verbindet und in den Titel dieser Ausstellung einfließen lässt. Ich zitiere diesen Text aus dem Landkreisbuch S. 154: “Franken, Thüringer, Flamen und Sachsen kamen zunächst in die Mark Meißen, nach 1200 wanderten sie oder ihre Nachkommen auch in die Oberlausitz ein.

Ausgehend vom sorbischen Altsiedelland ließen sich die neuen Siedler zuerst entlang der Bach und Flussläufe nieder. Sie rodeten die Wälder bis hinauf ins Gebirge, legten Felder an und gründeten neue Siedlungen. Die Siedlungsbewegung nahm auf die einheimische slawische Bevölkerung in verschiedener Hinsicht Einfluss. Dieser ist etwa bei sorbischen Dorfanlagen im Rodungsland zu erkennen, die ein Nebeneinander von Block- und Streifenfluren aufweisen.”

 

FELDER BLÖCKE STREIFEN

So ist der von Christa-Louise Riedel ausgesuchte Titel dieser Ausstellung nicht nur Hinweis auf die geometrischen Figuren konkreter Kunst, sondern auch eine Hommage an das Görlitzer Land.
Und: er wird Struktur dieses Vortrages.

FELDER

Die Farbfelder in den Arbeiten Moments I und II entstanden im Jahr 2006 an einem heißen Tag in Portugal. Intensivste gelb- und orange-farbene Acryle lassen den Betrachter das gleißende Licht und die allgegenwärtige Hitze nur erahnen, es gibt keine Beziehung zur visuellen Wirklichkeit,- der Betrachter befindet sich in der Welt der konkreten Kunst, so wie Theo van Doesburg sie 1930 definierte. Das Wechselspiel der geometrischen Flächen ist kontrastreich und harmonisch zu gleich. So wie die Hitze, sie ist extrem und natürlich zu gleich.
Das flächige erdige Braun scheint Schatten versprechen zu wollen, der nicht wirklich kühl ist. Der künstlerische Ausdruck bildet hier nicht ab, sondern agiert mit einem feinen Gefühl für extreme Situationen und dem gleichzeitigen Wunsch nach Harmonisierung.
Die Serie “ CRUZ DA PEDRA” entstand im Jahre 2005 aus übriggebliebenen Werbetafeln für portugiesisches Eis. Das der Künstlerin eigene kritische Engagement agiert hier mit Thema des Werbewahns, der Wegwerf-Mentalität in Zeiten scheinbar monitärer Verknappung. Um das Thema sinnlich erfahrbar zu machen, entscheidet sie sich für ein geometrisches Durcheinander-Wechselspiel von Formen, Figuren und Farben, die sich selbst genügen.

Mit dem Zyklus “ RING NEBULA” der im Jahr 2008 entstanden ist, gewinnt die Farbe eine völlig neue Präsenz und Bedeutung im Werk von Christa-Louise Riedel.
Malerisch durchdrungen und in akribischer Feinarbeit ertastet sie die Vollkommenheit von Kreisen, die immerwährende Einheit von Anfang und Ende. Das Thema der überirdischen Kraft konzentriert sich dann fast dramatisch auf einen geheimnisvollen inneren Kern: mit dem Wunder des ersten Herzschlages eines Embryos ?, mit dem ewigen Geheimnis von Micro und Macro?, mit der unbestrittenen Existenz von sphärischen Feldern.

BLÖCKE

Wie ein gewaltiger Block aus Dunkelheit, Sturm und Zerstörung erscheint das Werk
“ TENDENZEN “. Christa-Louise Riedel bewarb sich in der Stadt Großenhain in Sachsen für ein Kunstprojekt. Sie erfuhr, dass diese Stadt im Jahr 2010 einen Tornado über sich ergehen lassen musste. Die Künstlerin reagiert mit einer klaren Vorstellungskraft, die “Fürchterliches” - wie sie es selbst bezeichnet - widergibt. Titel und Atmosphäre des Werkes sind beängstigend; der Betrachter hört das Bersten von Materialien, fühlt den zerkratzten, verwundeten Bildhintergrund und sieht, lebendige Farbfetzen unkontrolliert durch die Luft fliegen.
Einer der Farbfetzen trägt die Signatur der Künstlerin. Sie rückt sich selbst ungewöhnlich eng an das Geschehen heran, unterschreibt ihre Betroffenheit, ihr aufrichtiges Mitgefühl mit den Opfern dieser Naturkatastrophe und wird zudem aktiver Teil der Gemeinschaft, die auf Tendenzen des Klimawandels warnend aufmerksam macht: sehr konkrete Kunst.

Die Installation “GROUP “, die im Jahr 2008 während ihres Werk-Aufenthaltes in Königshainentstanden ist und auch zu sehen war, ist mir persönlich nachhaltig im Gedächtnis geblieben.
Mit der Nutzung der elementaren Kraft der Erde, der Formung von Klinkermasse hat die Künstlerin den Beginn ihres künsterischen Schaffens wieder aufgegriffen- diesmal mit abstrahierten Figuren, die sich dichtgedrängt palisadenartig stützen und gegenseitig schützen.
Auf eine beklemmende Art und Weise umschließt unwegsames trockenes Gestein die kreisförmige, fühlbar schutzbedürftige Gruppe. Die tiefgehende Wirkung dieser Installation basiert auf der hohen künstlerischen Sensibilität der Künstlerin, aus persönlichem Erleben, Durchleben, aus ihrem humanitären Anliegen und der Auseinandersetzung mit Fragen und Nöten der Gegenwart.

Der gewichtige weiße Block im Werk „VITRUM “ stellt das Dach der Kirche St. Peter und Paul in Görlitz dar. ( Ankauf des Werkes durch das Kaisertrutz-Museum Görlitz im Jahr 2012)
Er scheint über seiner näheren Umgebung dem Waidhaus, der Altstadtbrücke der deutsch-polnischen Grenze zu schweben, trotzdem er an Himmel und Erde gebunden ist. Das Werk ist in Farbe und Form reduziert, dennoch schaffte es die Künstlerin die feinsten Eigenschaften der städtischen Elemente behutsam in Beziehung zu setzen. Wie im Foyer zu sehen erweiterte die Künstlerin das Werk zu einer fünfteiligen Serie. Die wieder stark reduzierten Teile 5 und 6 ergänzen das Werk einerseits auf subtile Weise, anderseits gewinnt das Gesamtwerk damit noch einmal an kraftvoller Ausstrahlung.

Die Skulpturen aus Bronze bewegen sich scheinbar in ihrer Dreidimensionalität und unter der Einwirkung von physikalischen Kräften: Spannung, Torsion, Bewegung. Ihre Oberfläche und Formen wirken archaisch, als seien sie einer archäologischen Grabung entnommen.

In einem nächsten künstlerischen Erforschungs-Schritt verbringt die Künstlerin die Formen der Bronzen in eine Zweidimensionaltät. Was geschieht dann mit dem Inhalt der Nachricht? Andere Formen und Charaktere entstehen – die dreidimensionalen Bronzen sind fast nicht wiedererkennbar.
Für den Betrachter, der den seltener gewordenen Luxus von Zeit und Aufmerksamkeit hat, die neue Nachricht auf sich wirken zu lassen, dabei zu hinterfragen, nachzudenken – für denjenigen erscheint der farbige Punkt vage als Hinweis auf den vergangenen Skulpturen – Querschnitt, auf die nicht mehr sichtbare Provenienz, auf die nicht mehr sichtbare Nachricht.


STREIFEN

In ihrem Werk „FLUSSBETT“ aus dem Jahr 2012 arbeitet die Künstlerin mit einer neuen, völlig autonomen Technik.; Voller Experimentierfreudigkeit und in dem tiefen Entschluss, die Materialität ihren künstlerischen Ideen folgen zu lassen, arbeitet die Künstlerin mit schwarzem Lack auf einem Spiegel-Untergrund. Es ist keine leichte Arbeit, Lack auf einem Spiegel in streng geometrische Formen, in fließend wirkende Streifen zu bringen. Und doch gelingt ihre Idee: Die Materialität des Spiegels zieht den Betrachter in die symbolartige verkürzte Landschaft hinein und scheint seine Verantwortung zu spiegeln- Berg, Land, Fluss sind in ihrer Formensprachen komplett reduziert und scheinen sich dennoch vor unseren Augen zu verändern.

Das Werk mit dem Titel „OBJEKT IV“, eine Mischtechnik auf Holz aus dem Jahr 2000 zeigt weiß flirrende Streifen aus miteinander verbundenen Menschen, eine Prozession aus menschlichen Zeichen, eine Art Schreibschrift mit menschlichen Buchstaben.
Die Künstlerin erfindet und erforscht eine neue Schriftart, die frei ist von herkömmlich geschriebenen Buchstaben und Worten. Sie be-schreibt,– nein sie lässt darin menschliche Verbundenheit fühlbar werden, genau so wie menschliche Abhängigkeit, das Mitgerissen-Sein oder das individuelle Heraustreten aus der Masse.

Die Literatin und Kulturjournalistin Helga Köbler-Stählin schrieb anlässlich der Retrospektive 1993 – 2009 so treffend, ich zitiere; „Christa-Louise Riedels künstlerisches Leben spiegelt sich in einer kontinuierlichen Schaffensphase, die sie mit ihrer ganzen Freude und ungeheuren Energie vorantreibt. Dabei ist sie Forscherin und Künstlerin zugleich. Sie macht sich auf, um die zentralen Themen des Lebens, Werden und Vergehen, Mensch und Natur, Miteinander und Gegeneinander in ihrem und unserem Alltag aufzuspüren.“ (Zitatende)

Kraftvolles, Eruptives, Rätselhaftes, Verborgenes und Unheimliches können sie in den Arbeiten von Christa-Louise Riedel entdecken. Sie haben die Gelegenheit, tiefer zu schauen und das vielleicht auch im Gespräch mit der Künstlerin selbst.

Ramona Faltin
Bv Kulturmanagerin und Kuratorin, Görlitz.